LTx - Tagebuch einer Transplantation Leseprobe zurück zum Buch Impressum und eMail Die Zahl meiner MELD-Punkte betrug von Beginn an 24, änderte sich aber in den folgenden zwei Monaten kein Stück. Das ganze Theater geht nun seit fünf Monaten. Nicht vorstellbar wie oft ich hier noch aufkreuze und wie viele Eingriffe und Fieberschübe ich noch erdulden muss. Ich warte auf ein Wunder, was die Punkte hochtreibt. Und: Ich warte auf das Sterben eines Menschen. Möglichst groß und kräftig, möglichst jung, möglichst gesund, möglichst kein Trinker. Möglichst hier in der Nähe sollte er einen Unfall haben oder einen Hirnschlag erleiden, die Organe alle intakt, nur das Hirn darf nicht mehr leben. Zwei Ärzte, die mit der Transplantation nichts zu tun haben, müssen unabhängig voneinander innerhalb von 24 Stunden den Hirntod feststellen. Hirnströme und Hirnstammreflexe dürfen nicht mehr nachweisbar sein. Der Tote oder besser: der unumkehrbar sterbenskranke Mensch, wird künstlich beatmet, er ist an einem künstlichen Blutkreislauf angeschlossen, er sollte mal einen Organspendeausweis ausgefüllt haben, mit dem er eine Entnahme seiner Organe für den Fall seines Sterbens – nicht seines Todes – festlegt hat, er sollte mit seinen Angehörigen genau darüber gesprochen haben und auch die sollten jetzt dazu eingewilligt haben. Er liegt jetzt auf einer Intensivstation, nur durch Maschinen beatmet und in seinen „Lebens“- Funktionen unterstützt, selbst nicht mehr in der Lage zu fühlen, zu denken, sich zu äußern. Aber doch frisch von der Hautfarbe, warm und äußerlich nur schlafend. Hier sagen die Politiker, sagen beide deutsche Kirchen, hier sei ein Mensch tot und bereit anderen Menschen mit seinen Organen neues Leben zu schenken. Hirntote werden offiziell zu Toten erklärt. Nur so ist es rechtlich überhaupt möglich, Menschen Organe zu entnehmen. Darauf warte ich. Mit dem Warten verroht man, stumpft man ab. Mit dem Warten hofft man auf das Leid einer fremden Familie. Meine Frau besucht mich jeden Tag. Meist erst nach 20 Uhr, kommt von der Arbeit gehetzt, quält sich durch den Verkehr, hat noch nichts gegessen. Aber sie ist da. Jeden Tag. Gestern Abend hat sie mir Tulpen mitgebracht. Die Blumen stehen nun auf meinem Tisch ein schöner Bund rot-gelbe Tulpen. Ein wahrer Lichtblick in dem schmucklosen Zimmer. Und die Sonne scheint und wärmt so stark, dass man vom Fenster weg muss. Im Bett liegend geht es mir allerdings auch besser, die Schmerzen sind dann fast weg. Der Entlassung am Donnerstag folgten am Samstagabend bereits Fieber und Unwohlsein. Am Montag kamen dann wieder die Oberbauchschmerzen hinzu, also wieder Klinik. Es war wohl eher ein freies Wochenende. Tag 178   Aufenthalt #10 Dienstag ist also erst mal ERCP, die 10. trörö! Meine Frage nach Häppchen und Sekt im OP brachte zwar allgemeine Erheiterung, mir aber wieder nur die Keule. Ich kam gleich um 9 dran, war um 10 im Zimmer und dann gegen 15 Uhr richtig wach. Zwischendurch hatte ich solchen Schüttelfrost, dass die Ärztin bei der Blutabnahme Probleme hatte, die Nadel zu setzen. Auf meine Nachfrage, Stunden später, weshalb ich öfters nach dem Eingriff Schüttelfrost bekäme, sagte sie, das während der Manipulationen an der infizierten Gallenflüssigkeit, Bakterien in die Blutbahn gelangt sein können, was zu einer akuten Sepsis führte. Mit Antibiotika – obwohl gar nicht klar ist welches Bakterium es war – geht es am Abend schon wieder recht gut. Jetzt kommen auch die Schmerzen wieder, das Schmerzmittel während der Behandlung hatte wohl lange angehalten. Am Freitagmorgen sagte mir Dr. Siegfried, dass er mich übers Wochenende noch hier behalten möchte, über Ausgang könne man sicher reden. Den meldete ich für Sonntagabend gleich mal an. Mit der Bemerkung ich wolle in ein Konzert, wofür ich seit fast einem Jahr die Karten habe. „Sie wollen wohl zu Andrea Berg?“ Mit so was ist mir noch niemand gekommen. Ich und Andrea Berg. „Nö“, konterte ich wahrheitsgemäß, „ zu Rammstein“. Da ging er nur kopfschüttelnd aus dem Zimmer. Zwei Tage vorher habe ich schon trainiert, dreimal bin ich die große Runde um die Klinik gelaufen. Jeder Gesunde würde über die zwei Kilometer nur müde lächeln, aber wenn man lange genug im Bett liegt, ist man beim Besteigen des hügeligen Geländes und Stapfen durch den Schnee doch außer Atem. Training für drei-vier Stunden Extrem-Konzert. Die Zeit vergeht. Ich warte auf eine Leber. Inzwischen habe ich alle testamentarischen Dinge geregelt, Verfügungen erlassen und Generalvollmachten erteilt. Somit dürften alle Eventualitäten bedacht und geordnet sein, falls ich ein Leben nach der LTx nicht schaffen sollte. Irgendwie ein blödes Gefühl. Ich bin doch noch jung. Jetzt konkret über Sterbefolgen nachdenken? Am Tag 194 wurde von der Uni ein Lebertag veranstaltet. Es waren viele Transplantierte mit ihren Angehörigen da. Und erstaunlich viele Paare, die sich Lebendspenden gegeben haben. Es wurde gesprochen über die Immunsuppressiva und deren Nebenwirkungen, Reha-Dauer und Erfolge. Und es kamen viele Lebendspender zu Wort. Danach sagte meine Frau: “Nun frag doch endlich mal den Professor wie das mit einer Lebendspende von mir ist.“ Das hat mich umgehauen. Eine Lebendspende war für mich von vornherein ausgeschlossen worden. Zum einen ist meine Mutter als Spender viel zu alt, meine Schwester schied auch aus, da sie gerade ein Kind geboren hat und meine Frau ist mit mir nicht blutsverwand. Ich konnte mir auch keine moralische Rechtfertigung vorstellen, von einem lebenden, gesunden Menschen zu verlangen, er möge doch sein gesundes Organ zerschneiden und mir einbauen lassen. Doch der Professor und die LTx-Ärztin waren sofort Feuer und Flamme. „Klar geht das.“